Schlagwort-Archive: Andreas Zeuch

Ideen als der Rohstoff der Zukunft (2): Wissen ist Vergangenheit, ist von gestern.


Zwei Fragen an  Dr. Andreas Zeuch

Einwegflasche.jpg

Im jüngsten Artikel – Daten, Information und Wissen: Ideen als der Rohstoff der Zukunft (1) – habe ich versucht, die Begriffe “Daten” und “Information” auseinanderzuhalten. Bei meinen Recherchen war ich auf das Buch Management von Nichtwissen in Unternehmen von Dr. Andreas Zeuch. gestoßen. Damals war ich nicht so weit in das Buch eingedrungen, allerdings war mir irgendwie klar: Am Ende steht das Wissen als meistbewertete Errungenschaft. Bei einer vertieften Bechäftigung mit dem Thema “Wissen” fand ich in dem Buch dann eine der interessantesten Aussagen dazu: “Wissen ist Vergangenheit, es ist von gestern.”

Andreas, hätte Wissen damit eine Art Haltbarkeitsdatum? Beziehungsweise sollen wir es eher als eine Einwegflasche handhaben?

Eine herrliche Metapher! Gefällt mir sehr gut. Allerdings fürchte ich, dass es doch auch so etwas wie zeitloses Wissen gibt – was wir allerdings niemals wirklich überprüfen und belegen können. Woher kommt mein Wissen, Deines, das eines jeden anderen? In irgendeiner Weise wird es eine Erfahrung sein. Egal ob eher intellektueller Natur, emotional, körperlich, spirituell oder (wie letztlich immer): eine Mischung daraus. Wissen basiert auf der Verarbeitung und Verwandlung von Signalen in Daten in Informationen in Wissen. Das, was wir dann glauben zu wissen, ist streng logisch und empirisch betrachtet nur so lange haltbar, bis es widerlegt ist. Beweisen können wir unser Wissen ohnehin nicht. Das verstehen nur leider viele Leute nicht. Die glauben ernsthaft, wir könnten etwas dauerhaft belegen. 

Um das Problem zu verstehen, hilft die bekannte Metapher von den weißen Schwänen: Die Aussage “alle Schwäne sind weiß” basiert in unseren Breitengraden auf unserer Erfahrung. Aber wie beweise ich, dass alle Schwäne weiß sind? Dazu müsste ich jeden Schwan auf dieser Welt finden und überprüfen, ob er weiß ist. Und wie weiß ich, dass ich tatsächlich jeden Schwan gefunden habe? Dass während meiner Suche nicht neue Schwäne geboren wurden? Umgekehrt reicht ein einziger (!) Schwan, der nicht weiß ist, um die Aussage zu widerlegen. So geschehen, als der sogenannte “Trauerschwan” das erste Mal in Australien (oder Neuseeland oder Tasmanien) gesichtet wurde. Somit hat jedes logisch oder klassisch empirisch abgeleitete Wissen definitiv eine Verfallszeit. Und sollte als Pfandflasche betrachtet werden, die wir eines Tages möglicherweise leer zurückgeben können – mit etwas Glück bekommen wir dann noch ein bisschen Geld dafür. 

Anders verhält es sich mit Wissen, das ich intuitiv-spirituell erfahre. Dazu zählen für mich Einsichten und Erkenntnisse wie die Einheit allen Seins oder die “Große Kette des Seins”. Als kritischer Rationalist könnte man das natürlich für Blödsinn erklären und feststellen, dass das nichts weiter als ein religiöser oder spiritueller Glaube ist. Aber das führt hier zu weit. Das Wesentlichere ist doch eher die Verfallszeit des Wissens in unserer scheinbaren Wissensgesellschaft.

Könnte man dann sagen, dass die Nutzung von Wissen im unternehmerischen Handeln ein Sieg der Vergangenheit über die Gegenwart wäre? Und damit realitätsfern? Wie Du im Buch sagst: Die Wirklichkeit läuft uns davon, wenn wir die Zukunft basiert auf Wissen planen. Wie können wir uns aus diesem Teufelskreis befreien und endlich die Gegenwart stärker im Unternehmen einbeziehen?

Zur ersten Frage: Interessante Sicht, das scheint mir zutreffend zu sein. Solange wir unsere Entscheidungen mit vergangenheitsbezogenem Wissen treffen, hat uns die Vergangenheit fest im Griff. Gerade ahne ich: Das passt auch gut zu Erfolgs- oder Erfahrungsfallen: Aufgrund bisheriger positiver Erfahrungen und damit verbundener Erfolge machen viele Unternehmen immer so weiter wie in der Vergangenheit. Und übersehen dann aktuelle Änderungen. Da gibt es ja ganze Branchenbeispiele, wie in der Geschichte der Kühlung von den Eiserntern über die zentralen Eisfabriken hin bis zur dezentralen Technologie der Kühlschränke; oder in der Schifffahrt, der Sprung von Segel- zu Dampf- zu ölgetriebenenen Schiffen; oder von Seilzug- zu Hydraulikbaggern. In allen Fällen sind die neueren Technologien niemals von den vorangegangenen Herstellern und Marktführern erfunden worden. Die haben sich auf ihrem vergangenheitsbezogenen Wissen ausgeruht, sind arrogant und überheblich geworden. Blind für die Gegenwart und erst recht für die Zukunft.

Zur zweiten Frage: Die Lösung scheint mir in einer wesentlich bescheideneren und selbstkritischeren Haltung zu liegen. Sprich: das, was man bisher an Erfolgen hat, immer wieder zu hinterfragen, neu zu denken. Das ist genau das, was ich mit “Anfängergeist” in meinem Buch “Feel it” gemeint und erläutert hatte. Anders formuliert: Wer sich zu stark auf das vergangenheitsbezogene Wissen stützt und alleine darauf vertraut, wird zu Expertokraten. Umgekehrt hilft es, auch Menschen in die Prozesse von Wissenserzeugung einzuladen, die gerade keine Experten sind, sondern Laien oder Anfänger. Ganz praktisch kann das im Arbeitsalltag dadurch realisiert werden, dass man Praktikanten, Hospitanten, Berufsanfänger, Kollegen aus anderen Abteilungen, Kunden, Nicht-Kunden etc. hinzuzieht und sie um deren Meinung bittet.

Auf der Ebene des Managements könnte Ignoranz leider auf Kosten der Lebensgrundlagen vieler Beschäftigter gehen. Ein Versäumnis fällt somit unmittelbar in die Verantwortung der Entscheider dieser Welt. Aufgrund der bisherigen, geformten Strukturen kann die organisatorische Ebene nicht so schnell verändert werden. Aber ich bin zuversichtlich, dass dieser grundsätzliche Wandel früher oder später stattfindet. Dabei stellen dein Buch und deine Arbeit in vielerlei Hinsicht einen fruchtbaren Boden für diese Transformation dar. Andreas, vielen Dank für dieses lesenswetes Buch und für deine Ansichten.

Vernetzt Euch!

Dr. Andreas Zeuch arbeitet als freiberuflicher Berater, Trainer, Speaker und Autor. Sein Fokus liegt auf den Themen unternehmerisches Entscheiden sowie Nutzung kollekti
ver Intelligenz & Intuition für Unternehmen. In seinem letzten Buch „Feel it! Soviel Intuition verträgt Ihr Unternehmen“ vertieft er das hier kurz dargestellte Thema.  

FeeIt_Weblesung_Andreas_Zeuch_11_07- 117

 

Advertisements
Getaggt mit , , , , , , , , , ,

Das neue #Management: bäuchlings im #Neuland


Unternehmen, und hier meine ich die traditionellen Manager unserer Welt, sind momentan mit einer tiefgründigen Veränderung konfrontiert, vor allem verursacht durch das Medium Internet. Der Widerwillen der Entscheidungsträger mit dem Flow zu gehen, lässt sich mit ein paar Faktoren begründen, die in den aktuellen Managementmethoden (4) und deren daraus entstandener Kultur ihren Ursprung haben. Beispielsweise der sinnlose Durst beim Sammeln lebloser Daten.

Die vernebelte Realität von Kennzahlen

“Regeln in einem Unternehmen vernebeln den Blick auf die Realität. Kennzahlen, Ziele, Anweisungen, Prozessvorgaben, Checklisten, sie wirken alle wie Scheuklappen … Als Mittel der Selbstorganisation können sie nützlich sein. Als Mittel der Fremdsteuerung sind sie jedoch fahrlässig. Denn sie ignorieren die Dynamik unserer Welt. Sie nehmen an, die Welt sei perfekt. (1)

Kennzahlen können nicht allein entscheiden. Sie reduzieren zwar die Eigenkomplexität im Unternehmen, sodass gehandelt werden kann, aber sie entkoppeln sich zunehmend von der Dynamik und der menschlichen Realität außerhalb des Unternehmens. Und dies ist, obwohl Manager sich gerne davon überzeugen wollen, nicht vorhersehbar oder steuerbar.

“Wenn jedoch viele Variablen voneinander abhängig sind, spricht man von hoher Komplexität, und da ist Steuerung nichts weiter als eine Droge. Das kurzweilige Gefühl von Kontrolle macht abhängig. Wir gaukeln uns dann vor, man könnte konkrete Ergebnisse direkt herbeiführen. So als könnten wir Philipp Lahm anweisen, in Minute 19 ein Tor zu schießen.”

In dynamischen Märkten geht es vordergründig um das Wissen über ihre Dynamik und Komplexität. Das Begreifen von komplexen Zusammenhängen ist auf der globalen Welt mehr als nur ein kritischer Erfolgsfaktor. (3)

Die infektiöse Komplexität

In einem in solcher Weise geformten Entscheidungssystem ist Komplexität unerwünscht. Unternehmen haben bisher erfolgreich daran gearbeitet, das schöpferische Chaos aus dem Weg zu schaffen und bildeten Mechanismen, die uns ein illusorisches Gefühl der Kontrolle verschafften. Unter dem Deckmantel der Vernunft wird dabei oft unvernünftig entschieden. Um die Komplexität zu reduzieren, hat man sich in Unternehmen auf das Ausblenden spezialisiert und sich kurzsichtig von gesellschaftlichen Prozessen entfernt.

Die Umstände haben sich allerdings gewaltig verändert. Dieser strikte Umgang mit Zahlen mag früher funktioniert haben, als der Markt noch kleiner und relativ vorhersehbar war. In zunehmend komplexen Strukturen, vor allem jetzt in unserer vernetzten und globalisierten Welt, ist diese Art der Reduzierung der Komplexität ein trügerisches Unterfangen. Die Geschwindigkeit von Veränderungen steigt und kann sogar in den kommenden Zeiten das Ende eines Unternehmens bedeuten. Mit den gängigen Managementmethoden sind die Herausforderungen unserer Zeit so gut wie gar nicht mehr zu überwinden. Trotzdem werden weiter fleißig Informationen gesammelt in der Hoffnung, dass das hilft.

Weißer Rauch steigt auf: Habemus Big Datam!

Der Big-Data-Wahnsinn hilft aber nicht weiter. Denn dabei geht es nur um die Menge der gesammelten Informationen und nicht um die Qualität der Entscheidung. Erstens, weil mehr Informationen nicht unbedingt zu besseren Entscheidungen führen. Ich würde sagen, bei vollständigem Verzicht auf gesunden Menschenverstand und Intuition ist oft eher das Gegenteil der Fall. Zweitens können wir nie alles wissen. Es wird immer Informationen geben, die nicht einbezogen werden. Und wir wissen, dass eine bestimmte fehlende Information den gesamten Entscheidungsprozess, der sich nur auf Ergebnisse von Datenverarbeitungstools stützt, komplett kippen könnte! Die Menge an Information steht nicht in direktem Bezug zu einer besseren Entscheidung.

Bäuchlings mit Köpfchen

Auf der einen Seite steht die immer weiter künstlich reduzierte Eigenkomplexität des Unternehmens, und auf der anderen Seite, die erhöhte Komplexität der Außenwelt. Die Fusion dieser beiden Welten wird einen großen Wettbewerbsvorteil für Unternehmen bringen. Wir brauchen daher neue Manager und zwar Rational-Intuitive. Also bäuchlings mit Köpfchen. Der Ausdruck könnte nicht schöner sein. Er stammt von Andreas Zeuch in seinem Buch “Feel it!: So viel Intuition verträgt Ihr Unternehmen”.

Andreas Zeuch plädiert in seinem Buch für die Intuition als Versöhnungstool (2), als Wegweiser im Chaos der Komplexität. Diese Versöhnung ist notwendig und bringt uns zur Erkenntnis, dass wir “niemals Komplexität beherrschen können, allenfalls können wir sie handhaben”. Wir sind bereits von Natur aus mit den richtigen Tools ausgestattet, wir sollten sie nur wiederbeleben und nutzen lernen.

Vernetzt Euch!

(1) Ein Unternehmen ohne Ampeln – Werte als Kraftfeld von Entscheidungen

(2) Kennzahlen in Unternehmen – eine Versöhnung ist angebracht

(3) Kompetenzgesellschaft

(4) Modernes Projektmanagement: Eine Frage der Haltung

Getaggt mit , , , , , , , ,