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Zukunft: Schon vorbei? von Heike Arnold


"Zukunft: Schon vorbei?" - Telearbeit anno 1998, Heike Anold mit Tochter Laura (Quelle: Allegra Women & Work).

Bild:“Zukunft: Schon vorbei?“ – Telearbeit anno 1998, Heike Anold mit Tochter Laura (Quelle: Allegra Women & Work)

Was hat die Zukunftsforschung Mitte der 1990er Jahre mit dem Einzug des Internets nicht alles vorhergesagt! Vom absehbaren Ende der klassischen Arbeit war die Rede. Von völlig neuen Lebens- und Arbeitsformen. Von grenzenloser Freiheit, die uns die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien bescheren werden. Die Realität im Jahr 2012? Sieht anders aus!

Eine Reflektion von Heike Arnold

Was war ich damals stolz! Zu Recht durfte ich mich Anfang 1998 eine Pionierin auf dem Gebiet „Neuer Arbeitswelten“ nennen und mich über meinen ersten Innovationspreis freuen – den „Office 21-Award“, verliehen vom renommierten Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation und dem Wirtschaftsmagazin impulse. In der Einladung zum Rahmenprogramm der Preisverleihung hieß es:

“Die Welt des Büros ist im Umbruch. Moderne Informations- und Kommunikationstechnologien verändern die Arbeit im Büro radikaler als je zuvor. Telearbeit, Hot-desking, Desk-sharing und Mobile-Working sind nur einige der derzeit diskutierten Ansätze. Neue Bürolösungen mit innovativen Produkten werden ein Arbeiten unabhängig von Zeit, Ort und Struktur ermöglichen.“ 
(Prof. E. h. Dr. h. c. Hans-Jörg Bullinger, Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation)

Vorsprung!

Neuland zu betreten mit dem, was man tut – das hat schon was ganz besonderes. Das ist aufregend! Das prickelt! Und vor allem: Es ist niemand da, der dir (vor-)sagen kann, wie du dein Ding zu machen hast. Der Alltag ist geprägt von „Trial and Error“ – „Versuch und Irrtum“, vor allem, wenn es um die Auswahl der richtigen Partner geht. Mitmachen wollen viele, aber nur wenige haben eine klare Vorstellung davon, wie sie die „virtuelle Zusammenarbeit“ organisieren wollen. Wird schon irgendwie gehen. Über E-Mail und Telefon. Doch geht das auch dann, wenn man sich persönlich nicht kennt?
Das war die alles entscheidende Frage, die vor allem die Forschung und die Medien seinerzeit interessierte. Zusammenarbeiten, ohne vorher gecheckt zu haben, ob die Chemie stimmt? Ob man sich überhaupt „riechen“ kann? Oder gar vertrauen?

Gleichgesinnt.

Den meisten Menschen, die mir damals begegneten, war dieser Gedanke suspekt. Und ist es bis heute geblieben. Ganz gleich, über welche technologischen Medien und Collaboration-Tools wir im Jahr 2012 auch verfügen – vom Internet, das uns Kommunikation in Echtzeit ermöglicht bis zum Smartphone, über das wir unser Leben zunehmend mit dem anderer vernetzen: Der Mensch als soziales Wesen kommt ohne reale Kontakte nicht aus.
Aus dem Networking der 1990er Jahre – dem „Arbeiten im Netz“ sind längst reale Veranstaltungen geworden, in denen – „face-to-face“ Kontakte geknüpft werden – Kontakte, die einen anderen Wert haben als jene, die über XING, Facebook & Co. zustande kommen. Doch damit nicht genug: Anstatt die technologischen Möglichkeiten für die „Work-Life-Balance“ zu nutzen oder „Beruf und Familie“ unter einen Hut zu bekommen, strebt die Mehrzahl der Kinder betreuenden Mütter „raus“ aus dem Alltag und „rein“ in den Betrieb – dorthin, wo man liebe Kollegen trifft, um „after Work“ gemeinsam zu chillen oder Probleme zu diskutieren. Selbstverständlich jederzeit für jeden via Handy erreichbar, wie es aktuell Trend ist. Zuhause arbeiten? Da sieht man ja nur den ganzen Tag die unerledigte Hausarbeit vor sich!

Rückschritt.

Burnout! Vorbei die Zeiten, in denen Mitarbeiter gut bezahlte Jobs hinschmissen für die Idee von „Arbeite, wo und wann du willst!“. Wir sind (fast) wieder da, wo wir vor Jahren standen. Das „Kleine“ hat sich nicht gegen das „Große“ durchgesetzt, wie Zukunftsforscher uns weismachen wollten. Die Karten werden wieder von Arbeitgebern gemischt. Wo und wann du arbeitest, bestimmt die Firma.
Wen wundert’s, dass kein Tag vergeht, an dem nicht in irgendwelchen Foren von „Burnout“ die Rede ist und von der Unzufriedenheit der Deutschen mit ihren Jobs. Für politische Aktivisten, die eine „sozialistische Demokratie“ in Deutschland fordern, ist das Klagen Wasser auf die Mühle. Aber: Sozialistisch? War das nicht das System, im dem zwar alle Arbeit hatten, aber der Einzelne keine Rechte und Freiheiten? Keine Selbstbestimmung? Keine Wahl?
Gewiss. Einfach ist es nicht, aus den Freiheiten und Rechten, die wir in der Bundesrepublik Deutschland haben, selbstständig etwas zu machen. Wer erreichen will, dass neue Arbeits- und Lebensformen sich durchsetzen und neue Technologien nicht nur die alten Klowände ersetzen, denen man seine Gedanken anvertraut – der muss AUFSTEHEN und MACHEN. Sich wehren, kämpfen, streiten. Um des Fortschritts willen.

Zukunft: In Arbeit!

Wir brauchen in den Betrieben aber nicht nur „rebellische“ Mitarbeiter, die verkrustete Strukturen aufbrechen. Wir brauchen auch Chefs und Manager, die in der Lage sind, Personal über räumliche Distanzen hinweg zu führen und Projekte mit virtuellen Teams zu managen. Wir brauchen Manager, die sich neuen Technologien nicht verweigern, sondern vorbildlich damit umgehen. Wir brauchen fortschrittliche Denker, die Medienkompetenz bei Mitarbeitern aller Ebenen fördern. Für die ein Home-Office selbstverständlich ist. Und wir brauchen vor allem VERTRAUEN. Darauf, dass (Arbeits-)Beziehungen bei guter Organisation auch dann funktionieren, wenn man sich nicht persönlich kennt.

Originaltext : Zukunft: Schon vorbei?

Über die Autorin:

Heike Arnold, Jahrgang 1959, lebt und arbeitet seit 2007 in Velden an der Vils. Die nebenberuflich als freie Fachjournalistin, Autorin und Online-Redakteurin tätige Unternehmerin (Kommunikation, Marketing, Text) gründete 1996 eines der ersten virtuell organisierten Dienstleistungsunternehmen in Deutschland. 2001 erschien bei der DVA „Das Webworker Handbuch. Wie man mehr vom Leben mit der Arbeit hat.“; 2004 folgte ein umfangreiches Online-Dossier (http://virtuelleunternehmen.wordpress.com/) über die Erfahrungen, die Arnold als Partnerin der Wirtschaft in mehrjährigen Forschungsprojekten des Bundes machen konnte. In ihrem Blog „Entwicklungen“ – Arbeit, Menschen, Technik“ teilt Arnold die Beobachtungen, die sie über den Wandel von Arbeitswelten – und darüber hinaus – macht. Mehr von und über Heike Arnold: http://twg-consulting.de/ ; http://heike-arnold.de/ ;http://heikearnold.wordpress.com/

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